1. Makro-Regime

Für mich ist das aktuelle Makro-Regime trotz der Nervosität weiterhin eher Soft Landing als Rezession. Die Arbeitslosenquote liegt bei 4,3 %, die Sahm-Regel ist mit 0,1 klar nicht ausgelöst. Das ist aktuell der wichtigste Punkt, denn ein aktives Sahm-Signal würde meine gesamte Einschätzung deutlich defensiver machen.

Gleichzeitig sehen wir fallende Ölpreise, einen leicht schwächeren Dollar und stabile Kreditmärkte. Das ist normalerweise kein Umfeld, das auf akuten wirtschaftlichen Stress hindeutet.

2. Aktienmarkt

Der S&P 500 handelt bei 7.372 Punkten, der Nasdaq 100 bei 29.100 Punkten. Beide Indizes geben heute etwas nach, aber der VIX liegt lediglich bei 18,5.

Das ist wichtig: Der Markt zeigt Angst in den Umfragen, aber keine Panik in den Volatilitätsmärkten. Historisch betrachtet entstehen die besten langfristigen Kaufgelegenheiten oft dann, wenn die Stimmung kollabiert, die Fundamentaldaten aber stabil bleiben.

Aktuell sehe ich eher eine Korrektur innerhalb eines Bullenmarktes als den Beginn eines neuen Bärenmarktes.

3. Tech/KI

Der Nasdaq 100 verliert heute etwas stärker als der breite Markt. Das überrascht mich nicht, denn Growth-Aktien reagieren sensibel auf Zinsen und Bewertungen.

Trotzdem bleibt der strukturelle KI-Trend für mich intakt. Solange Hyperscaler, Cloud-Anbieter und Halbleiterunternehmen weiterhin massiv investieren, bleibt KI einer der wichtigsten Wachstumstreiber für die nächsten Jahre.

Kurzfristige Rücksetzer ändern nichts daran. Für mich sind sie eher Teil eines normalen Bullenmarktes.

4. Zinsen/Inflation

Die 10-jährige US-Rendite liegt bei 4,54 %. Das ist nicht niedrig, aber auch nicht auf einem Niveau, das den Aktienmarkt zwingend abwürgen müsste.

Interessant finde ich aktuell den Rückgang beim Ölpreis. Niedrigere Energiepreise wirken mit Verzögerung oft inflationsdämpfend.

Der Dollar-Index notiert knapp unter 100. Ein schwächerer Dollar verbessert typischerweise die globale Liquidität und unterstützt Risikoanlagen wie Aktien und Bitcoin.

5. Sentiment & Kreditmarkt

Hier wird es spannend.

Der Fear-&-Greed-Index steht bei 10 Punkten. Das ist Extreme Fear und damit genau die Zone, in der ich normalerweise aufmerksam werde. Nicht weil ich einen Crash erwarte, sondern weil viele Investoren bereits pessimistisch positioniert sind.

Noch wichtiger sind die Kreditmärkte:

  • HY-Spread: 2,75 %
  • BBB-Spread: 0,93 %

Beide Werte liegen weit entfernt von Stressniveaus. Ein HY-Spread über 5 % wäre ein ernstes Warnsignal. Davon sind wir aktuell meilenweit entfernt.

Smart-Money-/Dumb-Money-Daten liegen nicht vor. Deshalb kann ich daraus aktuell kein zusätzliches Signal ableiten.

6. Bitcoin

Bitcoin handelt bei rund 61.170 USD und liegt noch immer etwa 51 % unter seinem bisherigen Allzeithoch.

Die Dominanz liegt bei 55,9 %. Das spricht weiterhin für eine klassische Bitcoin-Phase des Zyklus. Kapital konzentriert sich eher auf BTC als auf spekulative Altcoins.

Positiv sehe ich außerdem:

  • Marktkapitalisierung über 1,2 Billionen USD
  • 24h-Volumen von rund 32,6 Milliarden USD
  • Dominanz über 55 %

Für mich sieht das nicht nach einem ausgereiften Euphorie-Zyklus aus. Die Daten sprechen eher für einen Markt, der sich noch im Aufbau befindet.

7. Bären-Szenario

Das Bären-Szenario tritt ein, wenn…

  1. der HY-Spread nachhaltig über 5 % steigt und dort mehrere Wochen bleibt.
  2. die Sahm-Regel auf triggered = true springt und die Arbeitslosenquote Richtung 5 % oder höher läuft.
  3. der VIX dauerhaft über 35–40 notiert und nicht nur kurzfristig ausschlägt.
  4. der BBB-Spread deutlich über 2 % steigt und damit Stress auch im Investment-Grade-Bereich sichtbar wird.
  5. gleichzeitig Aktien fallen, Kreditspreads steigen und Bitcoin deutlich unter die aktuellen Zyklustiefs abrutscht.

Wenn mehrere dieser Signale gleichzeitig auftreten, würde ich die These „Korrektur im Bullenmarkt“ verlassen und von einem echten Bärenmarkt-Risiko sprechen.

8. Chancen

Die größte Chance sehe ich momentan in der extrem negativen Stimmung.

Fear & Greed bei 10 Punkten ist historisch eher ein Kontraindikator als ein Verkaufssignal.

Zusätzlich sprechen folgende Faktoren für Chancen:

  • stabile Kreditmärkte
  • keine aktive Sahm-Regel
  • schwächerer Dollar
  • nachlassender Inflationsdruck durch Öl
  • struktureller KI-Boom

Niemand weiß, was die nächsten Wochen bringen. Aber die aktuelle Kombination aus Angst und stabilen Fundamentaldaten gefällt mir deutlich besser als Euphorie bei überhitzten Märkten.

9. Risiken

Die Risiken liegen derzeit weniger im Finanzsystem als in der Realwirtschaft.

Ich beobachte vor allem:

  • Entwicklung der Arbeitslosenquote
  • Unternehmensgewinne
  • Kreditspreads
  • Entwicklung der Langfristzinsen
  • mögliche Wachstumsschwäche im Technologiesektor

Der Markt kann jederzeit 10–15 % korrigieren. Das wäre unangenehm, aber noch kein Grund, den langfristigen Bullenmarkt abzuschreiben.

10. Fazit / taktisches Verhalten

Meine Basiseinschätzung bleibt konstruktiv.

Wir haben Extreme Fear, aber keine Stresssignale aus dem Kreditmarkt. Die Arbeitslosenquote ist erhöht, aber die Sahm-Regel ist nicht ausgelöst. Der VIX bewegt sich auf normalen Niveaus. Bitcoin zeigt trotz Rücksetzern weiterhin solide Zyklusdaten.

Ich bleibe investiert, solange die Sahm-Regel nicht ausgelöst wird, der HY-Spread unter 5 % bleibt und der VIX nicht dauerhaft über 35–40 steigt.

Ich reduziere Risiko, wenn die Sahm-Regel auf „true“ springt, die Arbeitslosenquote Richtung 5 % läuft, der HY-Spread über 5 % steigt oder mehrere dieser Warnsignale gleichzeitig auftreten.

Bis dahin betrachte ich die aktuelle Angstphase eher als etwas, das man aussitzen oder selektiv zum Nachkaufen nutzen kann – nicht als Beweis für das Ende des Bullenmarktes. 🙂