Das Bild im Kopf
Stell dir vor, du leihst Geld an zwei Freunde: einen zuverlässigen Beamten und einen selbständigen Freelancer mit wechselhafter Auftragslage. Vom Beamten verlangst du 4 % Zinsen – vom Freelancer 8 %, weil du das Risiko eines Ausfalls einpreist. Der Unterschied von 4 Prozentpunkten ist der Spread. HY-Spreads messen genau das auf Marktebene: wie viel Risikoaufschlag Anleger für Unternehmensanleihen schlechter Bonität gegenüber sicheren Staatsanleihen verlangen.
Was es misst
HY-Spreads bezeichnen die Renditedifferenz zwischen einem Index hochverzinslicher Unternehmensanleihen (Rating BB oder schlechter, sog. „Junk Bonds”) und einer risikolosen Referenz – typischerweise US-Staatsanleihen gleicher Laufzeit. Berechnung: HY-Rendite minus Treasury-Rendite = Spread (angegeben in Basispunkten, 100 bps = 1 %). Der bekannteste Index ist der ICE BofA US High Yield Index (Option-Adjusted Spread, OAS).
Was sagt mir die Zahl?
| Signal | Bedeutung |
|---|---|
| < 300 bps | Enge Spreads: Märkte risikofreudig, günstige Finanzierungsbedingungen, wirtschaftliche Expansion |
| 300–500 bps | Neutrale Zone: erhöhte Unsicherheit, aber kein Stress |
| 500–800 bps | Deutliche Anspannung: Rezessionssorgen, Kapitalflucht in sichere Häfen |
| > 800 bps | Krisenniveau (Finanzkrise 2008–09: ~2.000 bps; COVID-März 2020: ~1.100 bps) |
In einer echten Analyse
Im März 2020 weiteten sich HY-Spreads innerhalb weniger Wochen von ~330 bps auf über 1.100 bps aus. Das signalisierte: Selbst gut kapitalisierte Unternehmen konnten kaum noch Anleihen begeben. Wer damals zyklische Aktien oder stark verschuldete Wachstumsunternehmen im Portfolio hatte, stand vor Refinanzierungsrisiken – unabhängig davon, wie gut das operative Geschäft lief. Als die Fed den Anleihenmarkt stützte und Spreads kollabierten, erholten sich Risikoassets rapide. HY-Spreads liefen dem Aktienmarkt dabei um einige Tage voraus.
Fallstrick
HY-Spreads messen Marktpsychologie genauso wie Fundamentaldaten – enge Spreads bedeuten nicht, dass keine Risiken existieren, sondern nur, dass der Markt sie gerade ignoriert. In Niedrigzinsphasen können Spreads künstlich eng sein, weil Anleger auf der Suche nach Rendite Risiko systematisch unterbewerten (sog. „Search for Yield”). Außerdem: Spreads reagieren schnell, aber nicht immer zuerst – manchmal läuft der Aktienmarkt voraus, manchmal der Kreditmarkt.
Merksatz
Wenn der Kreditmarkt für Schuldner aufschlägt, schlägt die Uhr für Eigenkapitalgeber.
→ Verwandte Begriffe: Yield Curve, Sahm-Regel