Das Bild im Kopf
Stell dir ein Fieberthermometer vor — nicht für einen einzelnen Tag, sondern für den gleitenden Durchschnitt der letzten drei Monate. Die Frage ist nicht: “Ist Fieber da?”, sondern: “Ist das Fieber gegenüber dem Tiefstwert der letzten zwölf Monate um mindestens einen halben Grad gestiegen?” Erst dann schlägt der Alarm an.
Was es misst
Die Sahm-Regel misst, wie stark die Arbeitslosenquote gegenüber ihrem jüngsten Tief gestiegen ist. Formel: Dreimonats-Durchschnitt der Arbeitslosenquote minus das Minimum aller Dreimonats-Durchschnitte der vorangegangenen zwölf Monate. Überschreitet dieser Wert 0,5 Prozentpunkte, gilt eine Rezession als sehr wahrscheinlich eingetreten — in Echtzeit, ohne auf offizielle NBER-Datierungen warten zu müssen. Entwickelt wurde sie von Ökonomin Claudia Sahm als Auslöser für automatische Fiskalstimuli.
Was sagt mir die Zahl?
| Signal | Bedeutung |
|---|---|
| Wert < 0,3 | Arbeitsmarkt stabil, kein Rezessionssignal |
| Wert 0,3–0,5 | Gelbe Zone — Abschwächung spürbar, Vorsicht angebracht |
| Wert ≥ 0,5 | Sahm-Regel ausgelöst — historisch zuverlässiges Rezessionssignal |
| Wert > 1,0 | Tiefe Rezession (COVID: Peak ~11, Finanzkrise: ~3,3) |
In einer echten Analyse
Im Juli 2024 stieg der Sahm-Indikator auf 0,53 — die Regel war formell ausgelöst. Börsen reagierten mit kurzem Schock. Claudia Sahm selbst kommentierte öffentlich, dass sie trotzdem keine Rezession erwarte, weil der Anstieg der Arbeitslosigkeit nicht durch Entlassungen, sondern durch ein starkes Wachstum des Arbeitskräfteangebots (u.a. Einwanderung) getrieben wurde. Ein seltener Fall, in dem die Erfinderin ihrer eigenen Regel widersprach — und damit genau den zentralen Fallstrick illustrierte.
Fallstrick
Die Regel wurde an US-Daten von 1970–2019 kalibriert und hat in diesem Zeitraum jede Rezession korrekt identifiziert — aber mit einer Stichprobengröße von nur elf Ereignissen. Post-COVID veränderte sich die Arbeitsmarktdynamik strukturell: Angebotsseitige Schocks (mehr Arbeitssuchende) können den Indikator auslösen, ohne dass Nachfrageeinbruch oder Entlassungswellen dahinterstecken. Die Regel misst Symptome, nicht Ursachen — und eine erhöhte Arbeitslosigkeit aus unterschiedlichen Quellen hat unterschiedliche makroökonomische Implikationen.
Merksatz
Eine Rezession erkennt man nicht am Niveau der Arbeitslosigkeit — sondern daran, wie schnell sie sich von ihrem Tief entfernt hat.
→ Verwandte Begriffe: Yield Curve, HY-Spreads, PCE